Musikautomatenbau im Waldstraßenviertel

Musikautomatenbau im Waldstraßenviertel

Musikautomatenbau im Waldstraßenviertel

Von Maria Geißler

Dass am Rande des Waldstraßenviertels die Blüthnerwerke standen, ist den meisten Lesern sicher bekannt, dass aber Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts neben dem Klavierbau am Westplatz und in der Thomasiusstraße auch diverse Musikautomatenwerke in unserem Viertel ansässig waren, war der Autorin nicht bewusst. Nach dem Besuch des Grassi Museums zu Beginn des Jahres war das Interesse jedoch geweckt.

Siegeszug der Lochplatten
Zwischen 1880 und 1930 war die Blütezeit des Musikinstrumentenbaus in Leipzig – mit Firmen wie Julius Blüthner, J.G. Irmler oder Julius Feurich. Dazu florierte der Holzblasinstrumenten- und Harmoniumbau sowie die Herstellung selbstspielender Musikinstrumente. Wahrscheinlich begann das Ganze 1882 mit dem Erhalt eines Patents für die Lochplatte einer Zungen-Drehorgel namens Ariston durch Paul Ehrlich. Eine auf den ersten Blick nicht aufregende Erfindung, die jedoch durch die günstig herzustellenden gelochten Pappplatten großen Erfolg hatte. Nun konnte man sich erstmals ein umfangreiches Musikrepertoire nach Hause holen – bei aber nur einer Minute Spieldauer pro Platte.
Später wurden die Lochplatten weiterentwickelt und aus robusteren Materialien hergestellt. Dadurch hielten die Platten länger und wurden außer für Privathaushalte auch für Wirte und Tanzsaalbetreiber interessant. Es folgte ein enormer Aufschwung dieses Industriezweiges, sodass der Musikinstrumentenbau nach Verlagswesen und Pelzhandel zum drittstärksten Wirtschaftsbereich in Leipzig wurde.
Um 1900 ließ das Interesse an den Lochplatten stark nach. Besonders pneumatische Klaviere und Grammophone sorgten für den Niedergang. Später kamen Klaviere mit Notenrolle dazu. Hier bekam man für wenig Geld ein abwechslungsreiches Musikrepertoire, einschließlich auch klassischer Werke von Beethoven oder Chopin, das nun endlich in guter Qualität abspielbar war und pro Rolle bis zu 15 Minuten erklang.

Erfolgsfaktoren
Warum blühte der Musikinstrumenten- und Musikautomatenbau gerade in Leipzig und auch in unserem Viertel so auf? Zum einen ist es wohl Erfindern wie Ehrlich, Lochmann, Hupfeld u.a. zu verdanken. Zum anderen war es die Zeit des Wandels vom handwerklichen Einzelstück zur fabrikmäßigen Massenfertigung. Damit waren die Automaten relativ preisgünstig herzustellen und auch für Leute mit nur wenig Geld leicht zu erwerben. Nicht zuletzt zogen kurz vor der Jahrhundertwende viele Menschen nach Leipzig, vor den Toren der Stadt entstanden neue moderne Fabriken und ein gut ausgebautes Schienennetz war vorhanden. Zudem hatte sich Leipzig als wichtiger Standort der Musikverlage etabliert.

Musikautomatenbau im Viertel
Neben vielen kleinen Betrieben und Dienstleistern gab es im Waldstraßenviertel zwei große Fabriken für die Musikautomatenherstellung: die Sedanstraße 5/7 sowie 17 (heutige Feuerbachstraße) und die Waldstraße 20.
In der Fregestraße 7 und der Sedanstraße 5/7 gründetete Bruno Rückert spätestens 1891 eine eigene Firma für Lochplattenautomaten. Sein Verkaufsschlager war das Orphenion, das in der üblichen Holzschatulle eine vernickelte Zinklochplatte statt der üblichen Papplochplatte enthielt und damit besonders schön klang. Als er 1897 Konkurs anmelden musste, übernahm Adler die Produktionsstätten und die Marke „Orphenion“. Außerdem wurden nun hier die bekannten „Adler-Spieldosen“ in verschiedenen Größen produziert. Die Musikwerke waren weiterhin für ihren besonders harmonischen und weichen Klang bekannt, der entstand, weil der Resonanzraum durch die getrennt vom Klangkörper angebrachte Mechanik frei von Eisen war. 1900 übernahm Julius Heinrich Zimmermann – vermutlich wegen Finanzschwierigkeiten nach sehr teuren Patentstreitereien – den Betrieb. Die Stimmenkamm-Musikwerke von Adler wurden jedoch unter dem Warenzeichen „Fortuna“ weiter vertrieben, ebenso wie Klaviere, Organetten und andere Instrumente. Besonders klangstark und im Klang dem eines Harmoniums ähnlich war das Riesen-Orgophon, das daher sehr gut für den Tanz im Familienkreis und in der Unterhaltungsbranche geeignet war. Im Adressbuch von 1917 wird die Firma jedoch letztmalig im Zusammenhang mit Musikwerken genannt, die Herstellung von Musikautomaten scheint also um diese Zeit aufgegeben worden zu sein.
In der Waldstraße 20 wurden von 1885 bis 1895 in der Musikwerkefabrik Wellner & Prager Organetten gebaut. Der Einsatz von Faltkarton statt Lochpappen ermöglichte einen längeren Musikgenuss als bei den ersten Musikautomaten.
Ab 1895 produziert Max Otto Claus unter derselben Adresse selbstspielende Zithern mit dem Namen „Chordephon“. Nur drei Jahre später übergab der Mechaniker, der sich jetzt Clauss nannte, sein Geschäft an Eugen Kurt Felix, behielt jedoch die Aufgabe des Betriebsleiters. Bis 1913 wurden hier verschiedene Modelle, Formen und Größen des Chordephons entwickelt und gebaut: von kleinen Tischvarianten bis zu großen in Schränken verbauten Typen. 1913 wechselte die Firma erneut den Besitzer, bis 1926 konnte man jedoch bei Kurt Weißbach diese mechanischen Zithern und entsprechende Platten dazu erwerben.
1927 wurden im Unternehmen Felix Schüller (früher Blohut & Meißner) in der König-Johann-Straße 4 (heutige Tschaikowskistraße) und ab 1928 bis 1933 in der Sedanstraße 22 hochwertige Notenrollen hergestellt, die u.a. für pneumatische Klaviere genutzt wurden.

Auch eine breit gefächerte Zulieferindustrie war im Waldstraßenviertel ansässig

Auch eine breit gefächerte Zulieferindustrie
war im Waldstraßenviertel ansässig

Niedergang
1920 zeichnete sich weltweit ein Niedergang der Musikwerkeindustrie ab – so auch im Waldstraßenviertel. Die erste Reduktion erfolgte schon um 1900, als Lochplattenspielwerke aller Art außer Mode kamen. Stimmenkamm-Musikwerke und Organetten dominierten den Markt, ebenso wie später Grammophone und Klavierorchestrions. Die Umstellung der Unternehmen auf diese Produkte sicherte jedoch noch einige Zeit genügend Gewinne und Arbeitsplätze im Waldstraßenviertel. 1930 löste das Radio jedoch die Musikautomaten ab und die Firmen mussten schließen oder auf die Produktion anderer Produkte (z.B. Kinderwagen, Flugzeugteile oder Möbel) umstellen.
Heute ist im Viertel fast nichts mehr von den Werken, den Instrumenten oder den Musikautomaten zu sehen. Lediglich einige Sammlerobjekte in privaten Haushalten oder Museen der Stadt Leipzig gibt es noch. Wer sich jedoch für das Thema interessiert, wird in der von Dr. Birgit Heise aufgebauten Online-Datenbank des Grassi Museums fündig.

 

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