Geschichtsvernichtung oder Fehlerkorrektur?

Geschichtsvernichtung oder Fehlerkorrektur?

Titel WN149 von Reichelt Kommunikationsberatung

Von Petra Cain, mit Dank an Wolfram Günther

Wer heute die Emil-Fuchs-Straße entlang läuft, erschrickt über den Zustand des Gebäudekomplexes, der von 1982 – 2015 die Heimat der katholischen Gemeinde St. Trinitatis war. Ein einfacher Gitterzaun umgibt das Gelände, die Türen sind mit Sperrholzplatten zugenagelt und Graffitis bedecken die Wände.

Zeugnis der Geschichte
Die Kirche hat eine außergewöhnliche Geschichte, die wir 2015 schon einmal ausführlich erzählt haben. Nur zur Erinnerung: 1972 wurde ein staatlich gelenktes Sonderbauprogramm der DDR in die Wege geleitet, das gegen Devisen kirchliche Bauprojekte gestattete. Auch der Bau einer neuen Propstei-Kirche in Leipzig wurde schließlich in dieses Programm aufgenommen und der Gemeinde wurde das Grundstück an der Emil-Fuchs-Straße zum Neubau einer Kirche zur Verfügung gestellt. Ein Kollektiv von der Bauakademie der DDR unter Leitung von Udo Schultz war für den Bau zuständig. Der Baustil erinnert an den des sogenannten Brutalismus, ein Stil, der zunehmend wieder Gnade vor den Augen von Architekturkennern findet. Auch der Glockenturm greift diese auf erkennbare Konstruktion und sichtbare Betonelemente angelegte Architekturform auf.
Die Ausstattung des Raumes wurde dem Berliner Metallbildhauer Achim Kühn übertragen. Türen, Altarwand, Altar und Kruzifix kamen aus seinem Atelier.

War der Bau an diesem Ort ein Fehler?
Wirklich glücklich wurde die Gemeinde mit ihrem Neubau nie: Durch die Lage direkt am Elstermühlgraben war der sumpfige Untergrund von Beginn an eine schwere Belastung für die Bausicherheit des Gebäudes. 1982 wurde die Kirche geweiht, doch schon 1985 zeigten sich die ersten gravierenden Schäden und 1990 musste das Dach komplett saniert werden.
Im Juni 2015 verließ die Gemeinde das ungeliebte Domizil und bot das Grundstück zum Verkauf an. Kurz darauf wurde das Gesamtensemble unter Denkmalschutz gestellt, was den Verkauf verzögerte. Nach zahlreichen Einbrüchen wurden die Ausstattungselemente ausgebaut und bis zu einer geplanten musealen Aufstellung ausgelagert. Mitte dieses Jahres kaufte eine Leipziger Firma das Gelände, da eine Abrissgenehmigung nun leichter zu erhalten war. „Der Antrag des neuen Eigentümers auf Abbruch des Denkmals wurde durch die Stadt Leipzig […] im Einvernehmen mit dem Landesamt für Denkmalpflege im Juni 2017 wegen der wirtschaftlichen Unzumutbarkeit des Erhalts mit Auflagen genehmigt; ausgenommen hiervon ist der Glockenturm, der zu erhalten ist. Der Eigentümer beabsichtigt, den Abbruch des Denkmalkomplexes spätestens 2018 durchzuführen“, schreibt das sächsische Staatsministerium des Inneren am 3. 11. in der Antwort auf eine kleine Anfrage des Landtagsabgeordneten Wolfram Günther von Bündnis 90/Die Grünen. Denn nach der Abrissgenehmigung fanden sich nun, zehn nach zwölf sozusagen, weitere Fürsprecher für den Erhalt des Gebäudes im Sinne des ursprünglich erteilten Denkmalsstatus. Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau hat sich auf lvz.de vom 3.10. und auf sz-online.de vom 4.11. positiv zu einem Erhalt des Ensembles geäußert, scheint aber nicht aktiv einzugreifen, sondern auf „bürgerschaftliches und Eigentümerengagement“ zu hoffen. Die kleine Anfrage von Wolfram Günther zielte darauf, den Bau und sein Schicksal einer breiteren Öffentlichkeit ins Gedächtnis zu rufen. Eine Bürgerbewegung hat sich aber bisher nicht gegründet und aus der Gemeinde wird es nach den Äußerungen von Propst Gregor Giele (in den genannten Zeitungsartikeln) keinen Rückhalt geben.
Für eine Rettung ist es jedoch wohl schon zu spät, bei Redaktionsschluss hatten die Vorbereitungen für den Abbruch im Inneren der Gebäude bereits begonnen. Vielleicht steht das Gebäude nicht mehr, wenn diese Ausgabe erscheint. Das wird den Beifall all derer finden, die das vernachlässigte Gebäude nur noch als Beleidigung für das Auge verstehen und nicht mehr an die Geschichte erinnert werden wollen, die es verkörpert. Zu retten ist aber hoffentlich außer dem Glockenturm der Urweltmammutbaum am anderen Ende des Grundstücks. Dr. Roland Klemm hat das Amt für Stadtgrün und Gewässer auf den ungewöhnlichen Baum aufmerksam gemacht. Es ist (erstaunlicherweise) für Nadelbäume auf privaten Grundstücken nicht zuständig, hat jedoch das Denkmalamt auf den Baum hingewiesen.

 

 

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