Starke Worte, Worte die bleiben

Starke Worte, Worte die bleiben

Roswitha Geppeert 2012, Foto: Jonas Springer

Von Julia Polony

Roswitha Geppert (geb. 1943) interessierte sich für die Schicksale von Menschen und schrieb sie auf. Schonungslos ehrlich und gefühlvoll zugleich erzählte die Leipzigerin auch ihre eigene Geschichte und die ihres schwerbehinderten Sohnes. „Die Last, die du nicht trägst“ wurde ein Bestseller. Viele Werke folgten. Am 27. Oktober 2018 starb die Schriftstellerin mit 75 Jahren nach schwerer Krankheit.

„Wir lernten uns im Bürgerverein Waldstraßenviertel kennen“, erinnert sich Vereinsmitglied Dagmar Geithner. „Sie war 1995 im Rahmen einer ABM zu uns gekommen, für das Sponsoring zuständig, engagierte sich in der AG Kunst, las aus Ihren Büchern vor, stellte Fotos aus.“ Irgendwann haben sich die beiden Frauen im Café Corso verabredet. „Wir waren uns sofort sympathisch und plauderten zwei Stunden über alles Mögliche.“ Es war der Auftakt einer langjährigen Freundschaft.

Ihre hübsche Wohnung im Waldstraßenviertel, mit Stuck und einem gemütlichen Erker, hatte Roswitha Geppert liebevoll eingerichtet. Bücher und Bildbände füllten die Regale, Kunstwerke zierten die Wände der studierten Theaterwissenschaftlerin. Sie war eine lebenslustige Frau, dem Leben stets positiv zugewandt und hatte eine esoterische Ader. „Roswitha sammelte Elefanten-Figuren“, erzählt Dagmar Geithner. Rund 300 Stück besaß sie schätzungsweise, alle mit dem Rüssel nach oben. Das war wichtig, denn die bringen Glück, war sich Roswitha Geppert sicher.

Tiere mochte sie sehr. Sie hatte immer Hunde, zuletzt einen Dackel namens „Hexe“. Im Sommer verbrachte sie gerne Zeit in ihrem herrlichen Garten in Markranstädt. Die Natur liebte sie ebenso wie den Trubel der Stadt. Roswitha Geppert hatte einen großen Bekanntenkreis, war gerne und viel unterwegs, ging in Ausstellungen, malte Bilder, am liebsten von Engeln und Fantasiewesen.

Ihre wohl größte Leidenschaft galt dem Schreiben. Mit Stift und Notizbuch sah Dagmar Geithner die Schriftstellerin allerdings nie. Sie hatte all ihre Geschichten im Kopf. Geschichten aus dem Leben, von Menschen, die anders sind. Nachts zwischen 2 und 5 Uhr, wenn alles ruhig war, dann konnte sie schreiben: Hörspiele, Kurzgeschichten, Drehbücher …

Ihr größter literarischer Erfolg war zugleich ihr schmerzlichster. 1969 kam ihr Sohn Tino auf die Welt. Dessen langsam sichtbar werdende Stoffwechselkrankheit veränderte ihr Leben. Sie widmete sich aufopferungsvoll seiner Pflege, machte eine Ausbildung zur Krankenpflegerin. Ab 1972 war Roswitha Geppert freischaffende Künstlerin, schrieb „Die Last, die du nicht trägst“ – ein tief bewegendes Buch über ihre Erfahrungen als Mutter eines geistig behinderten Kindes. 1978 veröffentlichte sie den autobiografischen Roman, der sie in der DDR bekannt machte. Mit nur 20 Jahren verstarb ihr Sohn. Es war ein schwerer Weg, den sie gegangen ist. Doch sie ging ihn mit großer Hingabe, starkem Willen und positiver Energie.

„Roswitha hat negative Gedanken oft weggedrückt, wollte nicht über Krankheiten sprechen. Schon gar nicht über ihre Krebsdiagnose“, erzählt Dagmar Geithner. „Dafür wollte sie ihre Zeit nicht verschwenden.“ Aber sie schrieb über traurige Begebenheiten anderer. Sie wollte helfen, vermeintliche Tabu-Themen öffentlich zu machen. „Einmal sagte ich zu ihr: Roswitha, Du kannst nicht die ganze Welt retten. Sie lächelte nur.“ Nein, das konnte sie nicht. Aber sie verstand es, im Alltäglichen das Besondere zu sehen und Wahrheiten zu benennen. Sie hörte den Menschen zu und gab ihnen durch ihre Texte eine Stimme.

Roswitha Geppert arbeitete bis zum Schluss vom Bett der Palliativstation aus. Eines ihrer letzten Projekte war die Illustration des Buches „Der furchtsame Schmetterling und andere Mutmacher-Märchen“ von Grit Kurth.

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