Museen sammeln für die Ewigkeit

Museen sammeln für die Ewigkeit

Dr. Gerlinde Rohr, scheidende Leiterin des Sportmuseums Leipzig; Foto: Bernd Görne

Gespräch mit Dr. Gerlinde Rohr,
Leiterin des Sportmuseums Leipzig

WN: Frau Dr. Rohr, Ihr Berufsleben neigt sich nun dem Ende entgegen. Wie sehen Sie rückblickend diese Jahre ihres Wirkens am Sportmuseum?
Gerlinde Rohr: Unterm Strich ist für mich die Erfahrung Sportmuseum Leipzig – es war für mich meine erste und einzige Arbeitsstelle, obwohl es nicht mein eigentlicher Berufswunsch war – überwiegend positiv. Ich hatte an der DHfK Leipzig Sportwissenschaft studiert und promoviert. Noch vor der Verteidigung meiner Dissertation bin ich im September 1982 ans Sportmuseum gekommen. Eigentlich wollte ich Trainerin im Nachwuchsbereich werden, aber das ging aus verschiedenen Gründen zu DDR-Zeiten nicht. Es hat nicht lange gedauert, bis ich Freude an dieser Arbeit im Museum gefunden habe, weil sie extrem vielseitig ist, mit Menschen ebenso wie mit Forschung zu tun hat. Insofern ist diese berufliche Erfahrung mit unwahrscheinlich viel positiven Erinnerungen verbunden. Die Zeit bis zur geplanten Abwicklung des Sportmuseums 1991/92 war die intensivste mit Besucherverkehr und Öffentlichkeitsarbeit. Es galt alles zu organisieren – seit 1986 war ich die Direktorin – von der Absicherung der Öffnungszeiten über Veranstaltungen, Sonderausstellungen, Besuchergruppen- und Gästebetreuung, Sammlungsverwaltung etc. Wir haben in dieser Zeit, weil wir das erste allgemeine Sportmuseum in der DDR waren, ja sogar in ganz Deutschland, hochrangige Gäste empfangen. Der Sport war für die DDR ein Türöffner für diplomatische Beziehungen. Die Sportminis­terin Kanadas war ebenso im Museum wie der stellvertretende Ministerpräsident des Iran sowie viele weitere Persönlichkeiten aus Politik und Sport. Wir waren acht Mitarbeiterinnen. Es war reizvoll, eine große Bandbreite von Besuchern zu betreuen. In die Ausstellung kamen Kindergartenkinder, Senioren sowie Wissenschaftler aus Ost und West. Es gab aber auch pflichtgemäße Gruppenbesuche.
Diesen ständigen und direkten Kontakt zu den Besuchern habe ich danach im Interim am schmerzlichsten vermisst. Es gab natürlich kurzzeitige Präsentationen sowie Sonderausstellungen zu organisieren, z. B. im Alten Rathaus 1995 zu „150 Jahre Allgemeiner Turnverein zu Leipzig 1845“ und 2002 die Ausstellung zur Geschichte der deutschen Turnfeste, 2006 die Schiedsrichterausstellung zur Fußballweltmeisterschaft und schließlich in diesem Jahr die Sonderausstellung im Haus Böttchergässchen „In Bewegung. Meilensteine der Leipziger Sportgeschichte“, die vor allem die Themen der geplanten Leipziger Sportroute zum Inhalt hatte.
Übrigens war die Turnfestausstellung die erste in Deutschland, die nationale Turnfeste von 1860 mit den DDR-Turn- und Sportfes­ten zusammenführte. Wir hatten viele interessierte Besucher aus den alten Bundesländern, für die es in der Turnfestgeschichte nicht solch einen Bruch gegeben hat wie für die DDR-Bürger. Wir kannten die DDR-Turnfeste, die für viele ganz nachhaltige Eindrücke hinterlassen haben. Zahlreiche Anfragen beschäftigen sich noch heute damit. Zu DDR-Zeiten hatten diese Feste allerdings einen etwas anderen Charakter, als sie ursprünglich aus der bürgerlichen Tradition heraus gewachsen waren. 2002 wurde von den Verantwortlichen der Versuch gemacht, diese Entwicklungen wieder zusammenzuführen.
Man darf schon heute auf das Internationale Deutsche Turnfest im Jahr 2021 gespannt sein, wenn Leipzig dann schon zum 13. Mal Gastgeber dieser größten Breitensportveranstaltung der Welt sein wird.

WN: Umso mehr bedarf es eines Hauses – Stichwort Museumsneubau – wo alles an einem Ort, mit allen neuen Möglichkeiten der modernen Museumspädagogik erlebbar gemacht werden kann.
Gerlinde Rohr: Ja, denn erst wenn man ein Haus hat, von dem aus man nach innen und außen wirken kann, ist ein Museum komplett.
Was allerdings die Besucher nicht wissen und ermessen können, ist das, was wir seit 1992 schwerpunktmäßig getan haben: nämlich das Vervollständigen und Dokumentieren der Sammlung. Das Entscheidende ist doch, dass das Wissen um die Objekte für nachfolgende Generationen dokumentiert wird. Wir haben von den 95.000 Objekten inzwischen rund 35.000 digital und im Internet recherchierbar erfasst. Damit liegen wir an der Spitze in der deutschen Sportmuseumslandschaft, obwohl wir die wenigsten Mitarbeiter haben! Seit den 1990er Jahren bis etwa 2007 hatten wir noch ABM- und Hilfskräfte. 11 Jahre arbeiteten mein Kollege und ich hier allein vor Ort. Erst Mitte diesen Jahres haben wir einen zusätzlichen Kollegen bekommen.

WN: Umso wichtiger ist deshalb sicher auch, dass im Zuge der Planungen zum dringend erwarteten Neubau genügend Planstellen berücksichtigt werden. Wie man hört, kann bei Bedarf für die Lagerung eines großen Teils der Sammlung auf die anvisierten Depots der alten Messe zurückgegriffen werden?
Gerlinde Rohr: Letzteres ist geplant und für eine gezielte Sammlungsarbeit ohne diese unvorstellbare Platznot wie jetzt auch ganz wichtig. Hier im Interim sind wir längst an unsere Grenzen gekommen – Sie sehen es selbst, die Stapel gehen bis unter die Decke.
Im immer noch gültigen, 2007 durch den Stadtrat beschlossenen Museumskonzept hatten wir uns einen neuen Ansatz überlegt, nämlich den Besucher in einem „Archiv der Dinge“ mit der Fülle der Sammlung zu konfrontieren. Mittels technischer Hilfsmittel könnte sich dann der Museumsbesucher durch die Sammlung „klicken“ und nach seinen Wünschen zu seinem Schwerpunktthema recherchieren. Sicher muss dieses Konzept nach nunmehr elf Jahren fortgeschrieben und vertieft werden.
Ich würde aber gern an dem Grundprinzip des damaligen Konzeptes festhalten. Museen müssen transparent machen, wofür die meist öffentlichen Gelder im Einzelnen gebraucht werden. Das Wichtigste ist doch, dass sich künftige Generationen ihre eigenen Gedanken über Geschichte machen und eine Meinung bilden können. Das geht meines Erachtens aber nur, wenn man authentische Dinge aus der jeweiligen Zeit bewahrt und aufbereitet. Museen arbeiten für die Zukunft.

WN: Wir danken herzlich für das anregende Gespräch und wünschen Ihnen alles Gute für den „Unruhestand“.

Das Gespräch führte Dagmar Geithner

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